Martineer in Tansania


Förderung Bildungsprojekt „Zukunftswerkstatt Armut-Reichtum-Glück“ im Rahmen der Schulpartnerschaft Martineum Halberstadt mit der Lupalilo Secondary School in Tanzania

Begegnung am Ort des Partners vom 01.07.-21.(22.)07.2019

 

Sachbericht

… zu weit weg,

zu fremdes Essen, 

zu viele Krankheiten, 

zu heiß, 

zu viele Spinnen, 

keine heiße Dusche,

in den Ferien???,

Es gibt viele Gründe, warum Schüler NICHT mit nach Tanzania fahren würden. Aber da gibt es dann auch die, die die Herausforderung annehmen, die sich ein Jahr lang gut vorbereiten und dann den Schritt in eine ganz andere Welt wagen. Dazu muss man nicht unbedingt Mitglied der Tanzania-AG sein (aber es hilft natürlich ungemein), Aber man muss offen sein für alles Neue, bereit sein, seine eigenen Ansichten zu hinterfragen oder vielleicht sogar völlig umzudenken. In jedem Fall lernt man Vieles über ein fremdes Land, über globale Zusammenhänge, aber auch über sich selbst!

Im Juli dieses Jahres führen acht Schüler (statt neun, Stefan war leider krank geworden), zwei Lehrerinnen und zwei ehemalige Martineer, die für ein Jahr als Freiwillige in Tanzania gelebt und gearbeitet hatten, gemeinsam zu unserer Partnerschule im Süden Tanzanias.

Unterstützt wurde die Projekt- und Begegnungsreise von ENSA (dem Entwicklungspolitischen Schüleraustauschprogramm), das Geld vom Ministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit zur Verfügung stellte, von der EKM, die durch das Leipziger Missionswerk Geld aus dem Tanzania-Kollekte-Fond genehmigte, dem Bildungsministerium und der Partei Die Linke des Landes Sachsen-Anhalt durch ihren Solidaritätsfond.

Dadurch wurde die dreiwöchige Reise für alle finanziell erschwinglich.

Armut-Reichtum-Glück war das Projektthema, das in Form einer Zukunftswerkstatt erarbeitet wurde. Dafür gab es in Tanzania mehrere Lernorte. In Matema am Lake Njassa trafen sich beide Projektgruppen zum Kennenlernen und für den Einstieg in das Thema. Zunächst mussten die Begriffe für sich persönlich geklärt werden. Viel Fantasie aber auch gemeinsame Absprachen waren gefragt, als „ein Ort, an dem ich glücklich sein kann“ als „Sandburg“ und Naturmaterialien in Gruppenarbeit entstand. Bei zwei tanzanischen Künstlern, die extra für uns aus dem nordtanzanischen Ort Arusha angereist waren, erprobten wir die typische Tingatingamalerei.

Unter der Aufgabenstellung: die tanzanischen Schüler zeigen uns die Reichtümer ihres Landes, informiert uns auf dem Kitulo-Plateau die tanzanische Gruppe über die seltenen Pflanzen, Vögel und Insekten im Nationalpark. 

Im Gästehaus der Diakonie Tandala wurden wir von langjährigen Partnern herzlich begrüßt und ein Freiwilliger aus Thüringen, der hier seinen Einsatzort hat, erklärte uns wie seit vielen Jahren erfolgreich Menschen mit Behinderung befähigt werden, ein lebenswertes selbstbestimmtes Leben zu führen. Hier konnten wir sehen, wie wirkungsvoll materielle Armut bekämpft wird.

Der Empfang an der Partnerschule war überschwänglich, die tanzanischen Schüler freuten sich, uns in ihrem Schulumfeld begrüßen zu können und zeigten uns das Schulgelände mit allen Neuerungen. So wurden neue Gebäude für Klassenzimmer, Toilettenanlagen und eine Wasserversorgung mit Wasser aus den Bergen errichtet. Auch das Fundament für die Mensa, das auch mit Unterstützung unserer Schule umgesetzt wurde, konnten wir betrachten. Nun wird auf Geld vom Staat gewartet, um die Wände und das Dach zu bauen. Dafür werden die Schüler wieder viele Lehmziegel formen, trocknen und brennen müssen und das nötige Holz wird aus dem Schulwald entnommen. „Gut Ding will Weile haben“… 

An zwei Tagen waren wir bei unserem gemeinsamen Partner der NGO SUMASESU zu Gast. Die Mitarbeiter zeigten uns, wie sie seit vielen Jahren Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Dafür halten sie Seminare zur Anleitung der Bevölkerung aus der Umgebung ab und betreiben einen eigenen, weit bekannten Radiosender. Gemeinsam arbeiteten wir weiter an unserem Projektthema. Höhepunkt war die Arbeit in drei Gruppen, die für die Bereiche Soziales, Wirtschaft und Bildung überlegten, was sich in Zukunft verändern muss, um Armut global und lokal wirkungsvoll zu bekämpfen und um jedem Menschen ein glückliches Leben zu ermöglichen.

Mit der Frauengruppe Kikundi cha Ebenrode war schon im Vorfeld der Reise vereinbart worden, dass wir gerne mal erleben würden, wie die tollen Batikstoffe entstehen. So organisierten wir gemeinsam einen Workshop, bei dem wir den Arbeitsprozess Schritt für Schritt miterlebten und mitgestalteten. Bei einem Mittagsimbiss berichteten die Frauen von ihrem Engagement. Sie färben Stoffe und nähen daraus Kissen, Tüchern, Schürzen, Tischdecken… und verkaufen sie. Mit dem Geld versorgen sie ihre Familien, aber sie unterstützen auch Waisenkinder und alte Menschen ohne Familie mit Lebensmitteln, Seife, Decken und die Kinder mit Schulmaterial. Diese Eigeninitiative hat uns sehr beeindruckt.

Am letzten Tag in der Schule sollte ein großes Wandbild an der Außenwand eines Gebäudes direkt gegenüber der Schulleitung entstehen und unsere Partnerschaft symbolisieren. Dafür wurde im nächstgelegenen Ort Farben und Pinsel gekauft und einen Tag vorher die Wand weiß grundiert. Mit wenigen Linien wurde die Bildidee vorgezeichnet, dann konnten die Schüler abwechselnd malen. Zum Schluss drückten alle Teilnehmer ihre farbigen Hände an die Wand und schrieben ihren Namen daneben. Nun kann jeder sehen, dass seit fast 20 Jahren unsere Partnerschaft gewachsen ist wie ein Baobab. In den Blättern stehen die Jahreszahlen unserer Begegnungen, bisher 13. Viele Fotos entstanden im Laufe des Tages vor dieser Wand. Es war eine schöne gemeinsame Abschlussaktion.

Zu den gemeinsamen Treffen in den Familien nutzten wir die Wochenenden. Hier konnten wir die Lebensbedingungen und das Lebensumfeld unserer Gastschüler und die Gastfreundschaft der Familien kennen lernen. Oft wurden noch Freunde und Nachbarn dazu geladen, die vielen Gespräche und Eindrücke waren unvergesslich und emotional.

In der Universitätsstadt Iringa erlebten wir ein weiteres Beispiel, wie Menschen aus Eigeninitiative heraus ihr Leben organisieren und materielle wie ideelle Armut bekämpfen. Neema Crafts ist eine Gemeinschaft von Menschen mit Behinderung, die in verschiedenen Handwerksberufen arbeiten (Spinnen, Weben, Farben, Nähen, Papier herstellen, Drucken, Holz bearbeiten…) und Dinge des täglichen Bedarf herstellen um sie dann im angeschlossenen Shop zu verkaufen. Im Obergeschoss verkaufen sie in einem netten Café selbstgebackenen Kuchen, Tee, Kaffee und warme Snacks, und hier kann man gemütlich sitzen und den Tag ausklingen lassen.

Ein altes deutsches, dann englisches Kolonialgebäude, eine BOMA, wurde mit EU-Mitteln zu einem Museum umgebaut, dass über die Geschichte des Volkes der Hehe informiert. Hier lernten wir etwas über unsere gemeinsame deutsch-tanzanische Geschichte.

Der Ruaha-Nationalpark war unser nächstes Ziel. Von einer tanzanisch geführten Lodge außerhalb des Parks aus starteten wir noch vor Sonnenaufgang und endeten erst weit nach Sonnenuntergang. In speziellen Autos konnten wir sowohl die wundervolle Naturlandschaft als auch die beeindruckende Tierwelt Tanzanias erleben. Immer mehr wird den Menschen in Tanzania bewusst, dass dieser Reichtum erhaltenswert ist und beschützt werden muss.

Wieder in Iringa nutzten wir den letzten Tag für einen Rückblick auf die gemeinsam verbrachte Zeit und es gab neben Geschenken auch viele Tränen zum Abschied. Vielleicht sehen wir ja einige der Projektteilnehmer im nächsten Jahr wieder, dieses Mal in Deutschland.

Nach einer 10-stündigen Busfahrt zurück nach Dar es Salaam hatten wir noch einen wundervollen Strandtag am Kipepeo-Beach direkt am Indischen Ozean. Hier trafen wir uns auch mit ehemaligen Schülern der LUPASEC, mit denen einige von uns bis heute in Kontakt stehen.

Rückblickend kann man sagen, dass es eine sehr anstrengende aber erlebnisreiche Reise war, von der wir gerne auch zu unserem Tanzania-Abend Anfang November berichten werden. 

 

Anette Peters

Karla Plachetta, Philipp Schulze, Tobias Bernt, Henriette Loose, Isabell Feider, Justin Nierig, Luca Hielscher, Björn Kleist, Haike Horneffer, Laura Scheumann, Paul Schreiber